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Lob der Langsamkeit



Eine Reise kann neue (Denk-)Welten eröffnen. Diese Binsenwahrheit wird auch einem jungen Mann in einer Erzählung aus dem 18. Jahrhundert klar. Der Norweger Nils Klim fällt nämlich bei einer Wanderung in eine gewaltige Erdspalte. Benommen bleibt er im Gras liegen und wähnt sich zunächst in gewohnter Umgebung. Denn der Lärm und das Brüllen, das in sein Bewusstsein dringt, lässt ihn in unweigerliche an die Diskussionrunden und die Alltagsgespräche denken, die er von zu Hause gewohnt ist.


In Diskussionen und Alltagsgesprächen wird rumumgebrüllt und gelärmt.

Erst allmählich dämmert ihm, dass etwas nicht stimmt. Er öffnet die Augen, sieht, wie ein gewaltiger Stier brüllend auf ihn losrennt, und flüchtet auf den nächsten Baum. Und lernt so auch gleich die Bewohner eines seltsamen Planeten kennen, der sich im Innern der Erde befindet.

Im Laufe der Geschichte erfährt er immer mehr über die Welt und die Gesellschaft der Bäume. Ihre Regeln und Gebräuche lösen bei Nils Klim regelmässig Kopfschütteln aus. Mit der Zeit aber merkt er, dass das Seltsame und Unerklärliche viel mehr Sinn macht als das, was die Menschen machen.


Was seltsam und unerklärlich wirkt, macht bei längerem Betrachten plötzlich Sinn.

Ein besonders schönes Beispiel findet sich bei Gerichtsverhandlungen. Es gibt jeweils nur ein kurzes Plädoyer; dieses wird aber drei Mal wiederholt, bevor eine halbe Stunde geschwiegen wird. Dann folgt die Urteilsverkündung. Der Grund dafür erschliesst sich Nils erst später. Anders als bei den Menschen gilt bei den Bäumen ein Individuum, das langsam denkt und spricht, nicht als dumm, sondern als überlegt und besonnen.


Langsamkeit ist ein Qualitätsmerkmal.

Diese Haltung findet sich nicht nur im Gerichtswesen, sondern im Leben und natürlich auch in der Politik der Bäume. Dementsprechend stehen die höchsten und wichtigsten Ämter nur denen offen, die langsam denken (oder: sich Zeit nehmen für’s Denken) und sich die Dinge mehrmals genau erklären lassen, bevor sie eine Entscheidung fällen. So wird verhindert, dass die Gesellschaft und das Leben laufend von neuen, überstürzten Entscheidungen und Gegenentscheidungen erschüttert werden.


In diesem Sinne möchten wir wie gewohnt einladen zu einer Gelegenheit, „bedächtig nachzudenken“ darüber, was uns eigentlich ausmacht.

Der nächste Lichtabend findet statt am:


  • Donnerstag, 15. Juli 2021, ab 19 Uhr.


Wie immer bitte anmelden über die Homepage oder per Mail vihuma@bluewin.ch



Herzliche Grüsse

Victoria & Hubert